Diese Ära darf nicht zu Ende gehen

Es ist später Mittwochnachmittag. Die KUFA-Büros sind zu dieser Zeit kaum mehr besetzt. Aus einem der Ateliers dringt gedämpft Radiomusik. Wer an einem Mittwochnachmittag hier durch die Gänge streunt, ist sehr wahrscheinlich Teammitglied des Club VEB. Wir treffen Jérôme und Frank im offenen Bereich. Hier wird das Catering für die Bands vorbereitet, ein kurzer Schnack mit den Technikern gehalten oder noch schnell ein Kaffee getrunken. In letzter Zeit waren hauptsächlich diese beiden zu sehen. In unserem Gespräch wird schnell klar, warum: Der Club VEB sucht Nachwuchs.

Was ist der Club VEB? Und warum dieser Name?

Jérôme: Was ist der Club? Eine gute Frage … [lacht] Im Grunde sind wir ein bunter Haufen unterschiedlicher Leute, die es ermöglichen jeden Mittwoch um 21 Uhr in der Kulturfabrik Löseke Live-Konzerte ohne Eintritt auf die Beine zu stellen. Jede und jeder kann Teil des Clubs sein. Was den Namen anbelangt … das ist eine ziemlich lange Geschichte. Den Club VEB gibt es ja schon ein knappes Vierteljahrhundert. Im September feiern wir eine kleine Geburtstagsparty zum 24.! Damit liegt auch die Namensgebung schon ziemlich lange zurück und von den Gründungsmitgliedern ist keines mehr im Team. Die Idee dahinter ist aber klar: Nach dem Wegfall des Sozialismus wollte man der mehr und mehr kapitalisierten Welt leicht ironisch etwas entgegensetzen. Das Kollektiv wollte eine Plattform schaffen, auf der Kultur, Kunst und Musik kostenfrei und für alle angeboten werden können. Denn VEB bedeutete in der DDR „Volkseigener Betrieb“. Nun sind wir ja aber kein Betrieb, sondern eine Bar mit Live-Musik. Daher übersetzen wir es mit „Volkseigene Bar“. Und diese ist von allen für alle.

Also seid ihr – ganz im Sinne des soziokulturellen Credos „Kultur für alle“ – ein Teil der Hildesheimer Kulturszene …

Frank: Ja, genau. Das ist es auch, was uns mit der KUFA verbindet. Bei uns im Club kann jede*r mitmachen, auch ohne Vorkenntnisse, und sich von Beginn an mit Ideen einbringen und sich in vielen Dingen ausprobieren. Ich zum Beispiel habe neben den Thekenschichten ein Interesse für Bandbetreuung, Bühnenmanagement und so was entwickelt. Seit einiger Zeit probiere ich mich auch an der Lichttechnik. Man kann sich hier gestaltend also voll ausleben. Der Club lebt von den verschiedenen Ideen, Menschen und ihren Leidenschaften. Ebenso von der Neugier auch mal hinter die Kulissen schauen zu wollen. Bei uns haben schon so einige Mitglieder, aufgrund der hier gesammelten Erfahrungen und Kontakte ihren Werdegang im Szene- und Kulturbereich angetreten.

Was für Musik läuft bei euch im Club? Und wie kommt ihr zu den Bands, Künstler*innen?

Jérôme und Frank [wie aus einem Mund]: … im weitesten Sinne Rockmusik.

Jérôme: Aber bei uns gibt es eine musikalische Vielfalt, die von gut gemachtem Pop, abseits der Charts, über diverse Rockgenres wie Punk, Indie, Stoner und so über modernen Jazz bis hin zu Künstler*innen aus der Kategorie Elektronik reicht. Hin und wieder werden diese Genregrenzen gern vermischt und überwunden. Hauptsache: nicht langweilig.

Frank: Und wie wir zu den Bands kommen? Das ist eigentlich ganz einfach. Dadurch, dass es den Club schon 24 Jahre gibt, hat er sich unter Musiker*innen in ganz Deutschland und auch darüber hinaus herumgesprochen. An Bandanfragen mangelt es uns also nicht. Manchmal, wenn mir irgendwo eine Band gefällt, spreche ich diese aber auch direkt an und frage, ob sie Lust haben bei uns zu spielen. Natürlich hat jede*r seine eigenen musikalischen Präferenzen. Aber mit der Zeit entwickelt man auch ein Gefühl dafür, was zum Club und auch zum Publikum passt. Da bei uns auch jede*r im Booking mitmachen kann, ergibt sich allein schon aus den unterschiedlichen Geschmäckern ein vielfältiges Programm.

Jérôme: Anhand unseres Stammpublikums sehen wir dann auch, dass diese Vielfalt gut ankommt. Ebenso wichtig ist, dass wir Bands und Künstler*innen im Programm haben, die manchmal nur ein ganz spezifisches Publikum anziehen und wir dann damit einen Nerv treffen.

Woher kommen die Bands, die bei euch auftreten?

Frank: Aus Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Ländern. Mein Lieblingsbeispiel ist Last Train – eine mittlerweile internationale Band aus Frankreich, die trotz dessen, dass sie vor über 10.000 Leuten in Paris und Tokyo spielen, immer wieder gern vorbeigekommen sind. Andererseits fördern wir natürlich auch die lokale Musikszene. Bei uns hatte schon so manche Hildesheimer Band ihren ersten öffentlichen Bühnenauftritt.

Jérôme: In den 24 Jahren seiner Existenz hat sich der Club VEB sogar international herumgesprochen und wir hatten und haben Bands aus den USA, Japan, Columbien und ganz Europa im Programm. Was man auch deutlich an den unzähligen, erinnerungswürdigen Tourplakaten im Backstage sehen kann.

Der Eintritt zum Konzert ist immer frei. Es geht nur der Hut um. Wie finanziert sich der Club VEB?

Jérôme: Das Catering für die Bands finanzieren wir ebenso wie Getränke und Snacks für die Bar und die Miete des Raums mit den Einnahmen aus dem Getränkeverkauf. Dass das all die Jahre so laufen konnte und weiterhin kann, ist vor allem unserem Publikum zu verdanken. Es kommt schon öfter mal vor, dass die Zuhörer*innen nach dem Konzert noch bleiben und bei ein oder mehr Gläschen mit der Band ins Gespräch kommen. Die Bands selbst treten ohne feste Gage auf. Da es bei uns keinen Eintritt gibt, um eben das Konzept „Kultur für alle“ zu ermöglichen, geht bei uns der Hut rum. Hier kann das Publikum nach eigenem Ermessen spenden. Der Hut geht dann zu 100 Prozent an die Bands und Künstler*innen. Die Mitglieder selbst betreiben den Club unentgeltlich, also ehrenamtlich.

Wie viele Club-Mitglieder habt ihr?

Frank: Derzeit sind wir im Schnitt ungefähr zehn bis zwölf Leute. Einige davon sind schon lange dabei, andere noch nicht so lang. Der Club lebt von und durch die Menschen, die sich im Kollektiv engagieren. Dennoch ist es etwas schwierig geworden, jeden Mittwoch Live-Konzerte anbieten zu können. Denn es mangelt an Nachwuchs. Einige Mitglieder ziehen sich zurück, weil es zeitlich für sie nicht mehr möglich ist, andere ziehen weg, zum Beispiel weil das Studium beendet ist. Und leider rücken kaum neue Leute nach. Das merken wir vor allem im Bereich Booking und Bandbetreuung.

Ihr sucht Leute? Wofür genau?

Jérôme: Im Grunde können wir überall Interessierte gebrauchen. Angefangen bei den Thekenschichten über Booking und Bandbetreuung bis hin zu neuen Impulsgeber*innen in der Programmgestaltung. Am dringendsten suchen wir in den Bereichen Booking und Bandbetreuung. Klar, das ist auch mit etwas mehr Aufwand und Arbeit verbunden. Aber die Erfahrung, die man dabei sammelt, ist unbezahlbar. Auch hier gilt: Je mehr Leute aktiv sind, desto besser kann man sich gegenseitig unterstützen und Aufgaben aufteilen. Es tut gut eine tolle Band auf die Bühne zu zaubern, das Publikum zu begeistern und den Künstler*innen einen unvergesslichen Abend zu bereiten. Genauso können wir Leute gebrauchen, die sich mit anderen Interessen und Talenten einbringen wollen: Du bist grafisch, gestalterisch unterwegs? Herzlich Willkommen. Klar nach 24 Jahren ist so manche Deko ziemlich abgerockt und das ein oder andere Plakat könnte auch mal erneuert werden. Oder hast Du Bock auf Band- und Konzertfotografie? Komm an Bord.

Warum sollte ich dann mitmachen und wie läuft das ab, wenn ich Teil des Teams werden will?

Frank: Warum… tja! [grinst] Diese Arbeit macht einfach enorm viel Spaß und man lernt viele tolle Menschen kennen. Du kannst Deine persönliche Lieblingsmusik auf die Bühne bringen, dich ausprobieren. Wenn du Bock hast, kannst Du Dich gern bei uns und in der freien Kulturszene engagieren und ausprobieren. Komm einfach an einem Mittwoch zum Konzert vorbei und sprich uns direkt an oder schreib eine Mail.

Jérôme: Ich kann Frank da nur zustimmen. Mir macht es vor allem Spaß für den Club zu arbeiten, weil ich weiß, dass der Club für das Hildesheimer Musikleben ungemein wichtig war und weiterhin ist. Du wirst dabei selbst Teil dieser Institution und gestaltest die Hildesheimer Kulturszene mit. Damit lernt man auch die Stadt nochmal von einer ganz anderen Seite kennen – was mir als Zugezogener deutlich half hier anzukommen.

Was waren eure persönlichen Highlights?

Jérôme: Ganz klar: Qujaku, eine japanische Band die mich letztes Jahr angeschrieben hat und hier spielen wollte. Das war eine sehr spannende, herzliche und lustige Zeit – was ich aufgrund der Sprachbarriere so nicht erwartet hätte. Mit gebrochenem English und mittels Hand- und Fuß-Kommunikation haben wir uns dennoch gut verstanden und trotz sicherlich vorhandener kultureller Differenzen wunderbar miteinander harmoniert. Gerade kam die Anfrage, ob sie wieder im VEB auftreten könnten, doch der Termin fällt leider in unsere Sommerpause. Aber ich habe es zumindest geschafft, ihnen einen Gig in Hamburg zu vermitteln.

Frank: Mein Highlight ist ein eher schleichendes: nämlich festzustellen, dass ich im und über den VEB viele Freunde gefunden habe. Und einen Ort, ein Projekt, in dem ich machen durfte, was mir wichtig und richtig erschien, und wo ich sein durfte, wie ich bin.

Du bist interessiert und willst mitmachen? Dann komm noch bis einschließlich 10. Juli zu einem Konzert im Club VEB und sprich das Team an. Oder schreib eine Mail an Jérôme (jerome_fischer[at]web.de)

– Interview: Denice Evers